Großes Theater: Verschiedene Sichtweisen

Dieser Text erschien zuerst in meinem Blog auf 22colors.de.

Mensch A1: Das ist ja eine schöne rote Blüte! Und so schön groß!

Mensch B1: Ja, du hast Recht. Die blaue ist auch schön, ein bisschen unscheinbarer, aber sie gefällt mir genauso gut.

A1: Blau? Ich sehe nur eine rote Blüte…

B1: Echt? Kannst du die blaue von deiner Perspektive aus nicht sehen?

A1: Hier ist keine blaue Blüte. Ich glaube, du lügst.

B1: Aber ich sehe die blaue Blüte doch ganz deutlich! Von dir aus gesehen gleich hinter der roten.

A1: Warte mal, ich frag mal A2, der arbeitet bei einer großen Zeitung, der wird es wissen.

A2: Es gibt nur eine rote Blüte. Die können wir sehen und messen. Da schreiben auch alle großen Zeitungen drüber, und im Fernsehen lief es auch. Alles andere sind Verschwörungstheorien.

A1: Danke, das hatte ich mir fast schon gedacht. Ja, vor diesen Schwurblern muss man sich in Acht nehmen heutzutage!

Mensch B1 zu Mensch B2: Sag mal, du siehst die blaue Blüte doch auch, oder?

B2: Ja, klar, was meinst du?

B1: Die nennen uns Verschwörungstheoretiker und Schwurbler.

B2: Ach ja, die neuen Synonyme für Spinner und Lügner. Hast du den A-Menschen mal ein Foto geschickt oder genau beschrieben, was du sehen kannst?

B1: Hab ich schon versucht, aber die wollen das gar nicht hören…

B2: Tja, dann sind die schon ganz fest in ihrer Glaubensblase, dass es nur eine rote Blüte gibt, weil sie aus ihrer Perspektive nur eine rote wahrnehmen können.

B1: Müssen wir denen nicht irgendwie helfen, damit sie auch die blaue Blüte sehen können?

B2: Viel Spaß beim Probieren… Ihre Denkschachtel ist meist ziemlich verschlossen und fühlt sich aus ihrer Perspektive sicher und behaglich an. Die wollen glaube ich gar nichts anderes sehen. Du kennst doch sicher diese Geschichte mit dem Vogel, der auch dann nicht aus dem Käfig fliegen möchte, wenn man die Käfigtür ganz weit aufmacht.

B1: Aber ist das nicht sehr eingeschränkt, immer nur die eine Sichtweise, manchmal um ein paar Grad verschoben, aber nie soweit, dass sie auch die blaue Blüte sehen?

B2: Menschen bilden sich ihren Glaubenshorizont recht schnell und dann bleiben die meisten auch dabei. Die A-Menschen sind halt ganz fest in ihrem 3D-Denken verankert…

B1: Was meinst du denn damit?

B2: Na, sie leben in ihrer 3D-Welt. Es gibt für sie nur das, was sie sich von ihresgleichen zeigen lassen. Die messen das aus ihrer Perspektive und dann behaupten sie, alles andere gäbe es nicht. Das kommt dann in allen Zeitungen und im Fernsehen und dann glauben es alle, die in diesem 3D-Denken festsitzen. Da können wir noch so viele andere Bilder und Berichte schicken, sie möchten es nicht sehen.

B1: Sie glauben nicht an andere Perspektiven? Ist das nicht schrecklich?

B2: Naja, solange sie uns damit nicht zu sehr einschränken oder Dinge von uns verlangen, die wir nicht wollen, ist das ja okay. Meinetwegen können sie uns auch für verrückt halten, wenn ihnen das weiterhilft? Jeder darf ja glauben was er möchte…

B1: Wenn die in der 3D-Welt leben, wo leben wir dann?

B2: Wir nennen das 5D. Von der fünften Dimension aus gesehen sind je nach Betrachtungswinkel ganz viele Perspektiven richtig. Das macht die Sache nicht leichter, aber wenigstens sehen wir eine rote UND eine blaue Blüte und können dann selbst entscheiden, welche wir schöner finden.

A1 zu A2 und A3: Die meinen immer noch, etwas zu sehen, was es gar nicht gibt…

A2: Was es gar nicht geben KANN!

A3: Was es gar nicht geben DARF!

A1: Mir erscheinen diese B-Menschen auch immer so elitär. Ich glaube, die halten sich für etwas Besonderes… Dabei sind wir doch in der Mehrheit! Muss was mit ihrem Ego sein, vielleicht sind die alle krank?

A2: Manche sind sogar richtig gefährlich. Darum warnen wir auch immer wieder vor solchen Menschen und schreiben: Verschwörungstheoretiker, Esoteriker und Rechte. Diese Sorte Mensch, die ist nicht gut für uns!

B1: Nein, wir sind nicht besonders. Auch nicht gefährlich. Wir nehmen nur andere Perspektiven wahr. Gibt es damit ein Problem?

A2: Mit Verschwörungstheoretikern unterhalte ich mich nicht.

A3: Kauft nicht bei B-Menschen!

B1 zu B2: Also ausgrenzen lasse ich mich aber auch nicht. Was machen wir?

B2: Wir können nur warten…

B1: Warten? Worauf?

B2: Bis sie es selbst merken. Es muss von ihnen selbst kommen, die Einsicht. Sonst glauben sie es nicht. Wir können natürlich weiter Hinweise geben, aber die Denkschachtel öffnen, das können wir von hier aus nicht so einfach.

Mensch B1 zu Maulwurf C: Sag mal, wie sieht das eigentlich von deiner Sichtweise aus?

C: Ich sehe nur Wurzeln. Also genau genommen sehe ich nicht, sondern ich rieche sie. Ich nehme wahr.

B1: Das ist ja auch spannend, beschreib das doch mal den A-Menschen…

C: Ich bin doch nicht verrückt! Ich sehe eure Blüten nicht, und ihr könnt die Wurzeln nicht riechen. Was soll ich da beschreiben? Mir würde doch sowieso niemand glauben.

B2: Wenn das für dich so ist, was du wahrnimmst, dann glauben wir dir. Das bedeutet nicht, dass wir die gleiche Sichtweise präferieren, aber wir nehmen deine so an, wie du sie beschreibst.

C: Ja, euch kann ich es ja erzählen, aber nicht den A-Menschen. Die sperren mich dann ein oder sie diskriminieren mich oder machen andere schlimme Dinge. Da halte ich lieber meinen Mund.

Mensch B1 zu Mensch B2: Also es gibt ja doch eine ganze Menge bewusster Lebewesen, die nicht so eingeschachtelt denken…

B2: Mit dem Schachtelbegriff muss man natürlich auch vorsichtig sein. Die nehmen uns das krumm, sie finden es abwertend.

B1: Weil wir sagen, sie kommen mit ihrem Bewusstsein nicht aus ihrer Schachtel heraus?

B2: Ja, die nehmen das dann persönlich. Sie glauben, das wäre eine Art Angriff von uns. Die sind das so gewohnt, die greifen sich ständig alle gegenseitig an, und dann glauben sie, wir wären auch so. Man nennt das Projektion.

B1: Also ihr Denken ist ja nicht „weniger“, nur weil sie in ihrer Schachtel sind. Viele von ihnen denken ja genauso viel und manche auch genauso tief, nur eben eingeschränkt in der Perspektive…

Mensch A1 zu Mensch A2: Siehst du, ich sagte doch, sie fühlen sich elitär und überlegen. Die sind gefährlich!

A2: Ja, ich schreib nochmal einen neuen Bericht darüber in meiner Zeitung. Man kann das gar nicht oft genug wiederholen: Abstand halten vor allen Andersdenkenden, Schwurblern und geisteskranken Menschen!

A1: Ja, besser du schreibst das nochmal. Damit es auch der letzte Mensch begriffen hat. Vielleicht verstehen uns diese kranken Esoterikspinner und Verschwörungstheoretiker dann auch irgendwann mal…

A2: Das glaube ich nicht.

A1: Warum?

A2: Na, wer unsere Gruppe einmal verlässt, der kommt meist nie wieder zurück zu uns. Oder kennst du jemanden, A3?

A3: Einen kenne ich. Der hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Der war in einer Sekte, die war ganz gefährlich.

A2: Siehst du, bleib lieber bei uns, hier bist du sicherer.

A1: Mensch, was bin ich froh, dass ihr auch so denkt wie ich!

A2: Ja, wir lassen uns doch nicht unser Weltbild kaputt machen!

A3: Was schon immer so war, das wird auch immer sein. Nieder mit den Schwurblern!

A1: Ja, die sind gefährlich!

Mensch B1, Mensch B2, Maulwurf C: ……. ?!? (verwundert)

Hier geht es weiter mit Teil 2…

Und hier die Video-Version!

Grafik und Animation kommt von mir, die sechs verschiedenen Dialekte von Jörg Förstner.


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